WALK AM RHEIN




In einer Zeit des vermeintlichen Friedens starben deutsche Jungen im Schlamm. Sie starben ohne Hoffnung und wurden einfach vergessen. Ihre Geschichte hatte nur so stattgefunden, weil sich 50 Nationen (im Vergleich zu 28 Nationen im Ersten Weltkrieg) den einstimmigen Bemühungen der Zerstörung Deutschlands angeschlossen hatten, nicht nur um das Nazi-Regime zu bekämpfen; sie wollten ihre Mission beenden.


Diese Nationen waren sich einig: Das „Deutschlandproblem“ sei das größte Hindernis für Weltfrieden und Wohlstand. Clemenceaus Maxime, es gebe 20 Millionen Deutsche zu viel, war weithin bekannt und wurde als Tatsache wiederholt. Dass Deutschland in jedem Marktbereich einen gewaltigen Konkurrenten darstellte, war ebenso offensichtlich. Die Umsetzung dieser Maxime wurde zu einem konkreten Ziel, um das deutsche Problem ein für alle Mal zu lösen. 6,825 Millionen Deutsche wurden während der Kriegsjahre getötet, der Rest der Bevölkerung der Eliminierung durch Feindseligkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg überlassen.


In den ersten drei Jahren nach der Kapitulation hätte einer am Boden liegenden Bevölkerung die helfende Hand gereicht werden müssen; sie wurde jedoch zurückgezogen. Die Kräfte eines gewaltig aufgestauten, unbegründeten Hasses – provoziert durch jahrelange Propaganda, die die Männer zum Kampf bewegen sollte – wurden in einem Chaos von wildem Opportunismus und Rachegefühlen entfesselt; vor der Öffentlichkeit verborgen, wie noch im Nebel des Krieges und gerechtfertigt mit „es geschieht ihnen Recht“ oder „sie haben damit angefangen, jetzt werden sie sehen, wie es sich anfühlt“.


Für die Deutschen gab es niemanden, bei dem sie hätten Zuflucht suchen können. Niemand wollte für sie einstehen oder auf ihrer Seite stehen. Dies war ein einmaliger Freifahrtschein für die alliierten Mächte und so verbannten sie, in all ihrer Grausamkeit, das deutsche Volk in die Hölle. Und zwar für immer, sodass sie sich niemals mehr mit ihren eigenen schrecklichen Sünden würden befassen müssen. Als einziges Volk der Welt, dem niemals vergeben werden durfte, hatten die Deutschen jede noch so schlimme Gräuel, verdient. Aus diesem Grund sollten sie schweigend leiden und auf ewig bezahlen; als ob der Schöpfer ihnen für immer die Rolle der „Bösewichte“ zugewiesen hätte.


Dieser Glaube ist mittlerweile so tief verwurzelt, fast heilig geworden, dass es scheint, als könne das weltliche Gefüge, sollte man ihn auf irgendeiner Ebene in Frage stellen, in dieser Form nicht überleben. Natürlich ist seine Prämisse vollständig lächerlich. Jeder Deutsche ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, wird vollkommen geliebt und hat ebenso Zugang zu vollständiger Vergebung.


Aber die Deutschen wurden Jahr für Jahr gezwungen, tiefsten Kummer und Reue zu spüren; immer mehr Schuld und Scham zu zeigen, für die Verluste anderer, die sie nicht kannten und die ihnen persönlich nie geschadet hatten. Und sie wurden ebenso konditioniert, es wurde ihnen befohlen, niemals um sich selbst oder diejenigen zu trauern, die sie kannten, auch wenn sie zu Unrecht schwer verletzt worden waren.


Warum ergeben Millionen individueller Herzenserinnerungen deutscher Familien keine überzeugende kollektive Geschichte? Warum werden diese Erinnerungen ignoriert?


Die Tatsache, dass diese Frage nicht beantwortet werden kann, ist ein Beweis für extrem manipuliertes Denken. Deutsche Mütter sind sich damals wie heute einig, dass ihre Kinder jedem israelischen oder saudischen Kind gleichgestellt sind, doch das gesamte deutsche System der letzten 75 Jahre gründet auf der Annahme, dass dies nicht stimmt, dass das Leid und der Verlust anderer irgendwie einen weitaus größeren Wert hat, als der Verlust einer deutschen Mutter. Der kostbare Verlust eines deutschen Kindes soll weniger zählen, weniger schmerzen, auch wenn es vorsätzlich und sinnlos ermordet wird. Dieses und viele weitere Beispiele furchtbar verdrehten Denkens beruhten auf dem Bedürfnis der Alliierten, ihren Willen durchzusetzen und nicht auf der dem Deutschtum eigenen, natürlichen Tiefe des Denkens. Im Ergebnis ist das dieser unangenehmen Diskrepanz zugrunde liegende Unbehagen einer der Gründe, warum die Deutschen nicht mögen, was sie heute ineinander sehen.


Bald werden wir gemeinsam am Rhein entlang gehen, um die Opfer zu betrauern und uns unserer Freiheit zu erfreuen; uns an Kurt* und unzählige andere zu erinnern und diese Erinnerung als unsere eigene anzunehmen. Wenn ein Deutscher leidet, leiden alle Deutschen. Der Diebstahl der gleichwertigen Trauerrechte des deutschen Volkes ist die zweite der sieben großen Ungerechtigkeiten; jede vollzogen, um es ein für alle Mal zu entmächtigen und schwach zu machen; es dahinzuführen, von Angst beherrscht zu werden und selbst ängstlich zu sein.


Der „Walk am Rhein“ ist nicht nur wichtig, um ein Unrecht rückgängig zu machen, sondern weil jede Ungerechtigkeit für sich genommen ein Hindernis für klares Denken ist. Den am besten denkenden Menschen auf Erden wurde schlechtes Denken aufgezwungen: Denken, das nicht in Frage gestellt werden kann, ohne einen Gefängnisaufenthalt zu riskieren. Deshalb sitzen in deutschen Gefängnissen viele politische Gefangene. Das schlechte Denken sollte die Gemüter verwirren, denn wenn Deutsche gut denken, schaffen sie gut – sie übertreffen sich in allem, was sie tun.


Der „Walk am Rhein“ ist von großer Bedeutung, denn es ist der Tag, an dem alle Deutschen ihr eigenes Leiden in die Hand nehmen. Es ist endlich der Tag, an dem sie ihre eigenen extremen und ungerechten Verluste betrauern können - insbesondere die Verluste von Millionen von Deutschen, die in den Jahren nach dem offiziellen Ende des Krieges von Menschenhand oder durch Vernachlässigung ermordet wurden. Sie sind nicht vergessen. Wir werden den unzivilisierten, mittelalterlichen Gräueltaten, die ihnen angetan wurden, ins Gesicht schauen.


Wir möchten keine Vergeltung üben, sondern im Gedenken an die Opfer, jenen Liebe und Vergebung schenken, die sie so schrecklich misshandelt haben. Unsere Vergebung gründet in Stärke. Diese Gräueltaten können nicht ausgelöscht werden, diese Ungerechtigkeiten kein Recht werden.


Dennoch ziehen wir für alle Zeiten einen Schlussstrich darunter, sodass wir voranschreiten können, um ein neues Deutschland aufzubauen.


William Toel


*Kurt '45 - Eine Rheinwiesenlager-Geschichte

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